Guck dir diesen Baum an

ERINNERUNGEN Das ist aber echt mal ein interessanter Lebenslauf. Eine Hommage an den Berliner Künstler Henning Brandis – aus Anlass einer Ausstellung für seine Lehrer Joseph Beuys und Dieter Roth

VON HELMUT HÖGE

Bis zum 27. Februar 2010 zeigt die Galerie Stella A. gesammelte Fluxuskunst, darunter Arbeiten von Joseph Beuys und Dieter Roth – zwei Lehrer von Henning Brandis, dem die Galerie zuvor eine Einzelausstellung gewidmet hatte: »par coeur pur«. Der gelernte Farbenlithograf Henning Brandis, 1944 geboren, studierte ab 1964 Kunst in Braunschweig und in Hamburg. 1966 starben seine Freundin und dann auch sein Vater, er ließ sich daraufhin mit »schweren Depressionen« in eine Klinik einweisen, wo ihn eine Beschäftigungstherapeutin mit Leo Navratils Werk bekannt machte: einer Sammlung von Kunst von Psychiatriepatienten.

Ab 1968 setzte Henning Brandis ein Studium erst bei Dieter Roth und dann bei Joseph Beuys an der Kunstakademie in Düsseldorf fort. Kurz zuvor hatte dort Jörg Immendorff das Wort »Lidl« gefunden. Im Rahmen einer »Lidl-Woche« fanden eine Reihe von Veranstaltungen statt (erst 1973 sicherte der schwäbische Lebensmittelgroßhändler Dieter Schwarz sich den Namen »Lidl« rechtlich ab), Henning Brandis eröffnete mit Erinna König den Lidl-Stützpunkt »Büro Olympia« – einen Laden, in dem sie eine von Majakowski angeregte Schaufenster-Agitation, unter anderem gegen die Olympischen Spiele in München, betrieben.

Einen radikalen Anlass


Daneben setzte sich die Lidl-Truppe für inhaftierte IRA-Kämpfer ein, und Henning Brandis gestaltete zum 1. Mai einen »Erntewagen für Kuba« – er politisierte sich, die Kunst wurde dabei, wie er sagt, »etwas geschliffen«. 1972 nahm er eine Stelle als Kunstlehrer am Gymnasium an, gleichzeitig beteiligte er sich an Aktionen linker Schüler sowie mit einem Videofilm am »Vietnam-Kongress« der KPD/AO in Bonn 1973. Im Jahr darauf führte er in New York seine erste eigene politische Aktion aus: Im Supermarkt am Broadway hatte ihm eine Kassiererin aus Puerto Rico vom elenden, Amerika-beherrschten Leben daheim erzählt; mit einem innenbeleuchteten Karton demonstrierte Henning Brandis daraufhin abends auf dem Broadway für die »Freiheit der Puerto Rican People«.

Seine »Düsseldorfer Malergruppe« war von der maoistischen Partei inzwischen zum Kern ihrer »Initiative Sozialistischer Kulturschaffender« (ISK) auserkoren worden. Diese konstituierte sich in der Kreuzberger Kneipe »Max & Moritz« – und verabschiedete ein »Manifest«. Wenig später durchsuchte die Polizei die KPD/AO-Zentrale in Dortmund und beschlagnahmte die Adressenkartei. Gegen einige Abonnenten der
Roten Fahne wurden Berufsverbote verhängt.

Henning Brandis zog sich 1975 aus allen politischen Aktivitäten zurück, er blieb bis 1977 Lehrer, nach einer Unterrichtseinheit in der 9. Klasse über den Hungertod des RAF-Häftlings Holger Meins bekam er jedoch ebenfalls »Ärger«. Er wurde »als Kommunist am Gymnasium gebrandmarkt«: Stefan Aust interviewte für das ARD-Magazin »Panorama« einen Schüler, der sich über diesen »kommunistischen Lehrer« besonders wortmächtig aufregte – ohne jedoch Schüler von Henning Brandis gewesen zu sein. Dieser mietete daraufhin eine kleine Stellfläche in der Düsseldorfer Jan-Wellem-Passage und inszenierte dort kurz vor der Bundestagswahl einen »Radikalen Anlass«. Während er den Passanten erzählte: »Ich bin denunziert worden!«, bastelte er aus Pappe einen Karton, den er sich über den Kopf stülpte. Um die »Überwachungs-Perfidie« sinnfällig zu machen, fotografierte er die Umstehenden durch ein Loch.

1977 kündigte er am Gymnasium, auf dem Hof veranstalteten die Schüler ein Abschlusskonzert, auf dem Henning Brandis einen »Slowest Blues as Possible« sang. Unter anderem kam darin die Zeile vor: »This school looks like a concentration camp«. Die Lehrer waren konsterniert, seine Schüler lachten. Einer betreibt heute die 50er-Jahre-Kneipe Honey Penny am Nollendorfplatz.

1977 kam Henning Brandis in Kontakt mit dem Mitbegründer der Düsseldorfer Werbeagentur GGK Paul Gredinger, der ihm einen Dreimonatsjob als Art Director anbot. Zum Konzept der GGK gehörte es, Künstler zu engagieren, die ohne Rücksicht die Arbeit der Werbefachleute kritisierten. Vor Henning Brandis hatten das bereits der Dichter Wolf Wondratschek und der Performator des Frankfurter »Bräunungsstudios Malaria«, Indulis Bilzenz, getan. Letzterer hatte die Werber mit dem marxistischen Begriff der »Faux Frais« – wozu die Werbekosten zählen – traktiert, Henning Brandis zeichnete ihnen Ideen auf kleine Blätter und versteigerte Fotokopien.

1978 lernte er in Westberlin die Künstlerin und Dramaturgin Natalja Struve kennen, die damals gerade Heiner Müllers »Hamletmaschine« aufführen wollte. Als sich dieses Projekt zerschlug, schrieb Henning Brandis mit Natalja Struve ein Stück: »Der Geist des Hürli«, währenddessen pendelte er zwischen Düsseldorf, Hamburg, Hannover und Westberlin. In der Paris-Bar traf er noch einmal Joseph Beuys. Beuys war in Westberlin nicht besonders gelitten. Im »Zwiebelfisch« etwa machte sich der Kreis um Oskar Huth, Otto Schily und den Satanisten Jes Petersen über Henning Brandis’ Beuys-Begeisterung lustig. Umgekehrt mochte Beuys die Westberliner Bauunternehmer-Kunstsammler nicht. Einer der größten, Erich Marx, stellte später den Beuys-Adlatus Heiner Bastian als Kunstberater ein, der ihm zum Kauf von Beuys-Werken riet.

Während diese hierbei konservativ verwertet wurden, machte sich ab 1987 ein anderer Beuys-Schüler daran, ihren politischen Gehalt zu sichern: Johannes Stüttgen – mit seinem »Omnibus für direkte Demokratie in Deutschland«.

1982 versuchte Beuys zwischen beiden Polen in Westberlin noch selbst die Balance zu finden (er starb 1986). Der Vorsitzende des Neuen Berliner Kunstvereins, Marius Babias, brachte diese kürzlich noch einmal in Erinnerung: »Als Joseph Beuys eine Ausstellung u. a. mit Werken aus der Sammlung des Bauunternehmers Erich Marx in der Nationalgalerie eröffnete, tobte in Kreuzberg und Schöneberg der Hausbesetzerkampf. […] Indem Beuys einerseits die Hauspatenschaft des besetzten Hauses Bülowstraße 52 übernahm und sich sogar mit den Besetzern der zum Marx-Besitz gehörenden sogenannten Villa Schilla solidarisierte, andererseits aber am Abend desselben Tages auf der Vernissage die Huldigungen seines Sammlers vor geladenem Publikum entgegennahm, vollbrachte er eine diplomatische Meisterleistung.«

1985 hielt Henning Brandis im Schöneberger »Fischbüro« einen Vortrag – über Insekten. Diese hatte er zuvor in seiner Wohnung gefangen. Für den Vortrag klebte er sie mit Tesafilm an die Wand – und befragte sie dann einzeln: »Was habt ihr bei mir zu suchen gehabt?« Überhaupt klebt er gerne seine Fundstücke wie in einem Herbarium auf Papier – und bezeichnet einige seiner Arbeiten auch als »Überklebungen«.

1989 bekam er eine Stelle als künstlerischer Mitarbeiter bei der Berliner »Lebenshilfe«, wo er mit geistig Behinderten (»Hindys« von ihm genannt) arbeitete. Daneben kam er mit der Kölner »Schule für Kunsttherapie« in Kontakt, wo er ab 1990 Seminare abhielt.

Seine Hindys


1993 trennten sich Henning Brandis und Natalja Struve, zuvor hatte er in der Schustehrusstraße ein Atelier namens Zinnober eröffnet. Seine Hindys kamen dort drei Jahre lang zu künstlerischem Arbeiten zusammen. Henning Brandis hatte inzwischen die Vipassana-Meditation kennengelernt und praktizierte sie täglich. Er lebte in dieser Zeit als Nomade in verschiedenen Meditationszentren und Klöstern – zehn Jahre lang: »Ich machte mich auf die Suche nach einer Verbindung von Meditation und Kunst.«

Noch 1993 eröffnete er in der Kulturbrauerei des Prenzlauer Bergs eine Dépendance der Kölner »Kunsttherapie«. Auch in dieser Einrichtung hielt es ihn drei Jahre. Zwischendurch wohnte er auch im Buddhistischen Haus in Frohnau, das damals und noch immer von Mönchen aus Sri Lanka verwaltet und teils von thailändischen Prostituierten finanziert wurde. Dann wohnte Henning Brandis eine Zeit lang in der Obdachlosenkommune des Jesuiten Christian Herwartz in der Naunynstraße. Und mehrmals besuchte er das östlich von Bordeaux gelegene Plum Village des vietnamesischen Mönchs Thich Nhat Hanh. Einmal fragte Henning Brandis den Mönch: »What is the essence between meditation and art?« Der Mönch zeigte aus dem Fenster und sagte: »Guck dir diesen Baum an – und verneige dich!«

Im Katalog der Ausstellung „Wo »dunkle Energie«", die Henning Brandis 2008 in der Charlottenburger Villa Oppenheim zusammenstellte, schreibt der Dramaturg Axel Bäse: Das »Rätsel« ist ihm »das Sichtbare, das sich im Moment der Entdeckung in zarte oder heftige, versunkene oder zirkulierende Materialien, archaische Rückformungen, Farben mit feinsten Glissandi, säkulare Tonsetzungen, verschlüsselte Codes und Zeichen aus fernsten Zeiten und in Zwischenräume voller Stille verwandelt.«

Im Sommer dieses Jahres hat Henning Brandis seiner verstorbenen Lehrer Dieter Roth und Joseph Beuys gedacht – und dazu eine kleine »indianische Gabe« im Charlottenburger Schlosspark verbuddelt.


Quelle: taz, 04.01.2010, S.28 –– Die ursprüngliche & umfangreichere Blogfassung finden sie hier.